Kurzandacht

Christuskirche Augsburg Haunstetten

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen

Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

wir nähern uns mittlerweile dem Ende des 2. Pandemiejahres. Pandemie bedeutet, dass zum Schutz der Menschen Regeln in Kraft gesetzt werden, die häufige Kontakte unterbinden. In den vergangenen beiden Jahren haben wir also unsere Alten in ihren Häusern wenig oder gar nicht besucht, haben Kranke und Sterbende im Krankenhaus nicht gesehen und auf Feiern mit wenigen Ausnahmen in kleinen Zeiträumen verzichtet. Taufen werden nun schon wie auch Trauungen seit zwei Jahren verlegt in der Hoffnung auf eine Zeit nach Corona. Unsere Kinder konnten ihre Freundschaften nur im Internet pflegen und mancher Betrieb blieb zu, die Mitarbeiterinnen arbeiteten von zu Hause oder waren in Kurzarbeit.

In der Politik möchten manche immer noch die Türen zu halten für Menschen aus anderen Ländern, während zeitgleich geklagt wird, dass wir weder im Handwerk noch in der Pflege nur annähernd genug Arbeitnehmer haben.

Es ist eine Zeit der verschlossenen Türen, in die die Jahreslosung für 2022 aus dem Johannesevangelium Kapitel 6 Vers 37b spricht: Christus spricht: wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.

Prompt haben wir und andere Gemeinden und Werke Karten verschickt, auf denen die eigenen Türen weit offenstehen. Es gilt die Einladung herein zu kommen und willkommen zu sein und in dieser Kirche in Christus Gott zu begegnen. Falsch ist das sicher nicht. Unsere Kirchen sind schön und voller freundlicher und engagierter Menschen. Gott ist überall und wir dürfen niemandem den Weg zu Gott versperren, indem wir Bedingungen stellen für den Zugang zur Gemeinschaft der Kirche. Bedingungen, die Gott nicht stellt.

Doch geht es im Johannesevangelium erst einmal nicht um uns und nicht um heute, sondern um eine grundlegende Haltung Gottes, die Christus erlebbar macht.

Im Evangelium nach Johannes im Kapitel 6 heißt es in Vers 37:
Jesus aber sprach zu ihnen: und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.

Jesus ist im Gespräch mit einer Gruppe Gelehrter, die seinen Anspruch, Gottes Sohn und Ebenbild zu sein, nicht annehmen können und wollen. Sie haben vielfältige theologische Gründe für ihre Meinung. Jesus kann diese Gruppe Menschen mit seiner Botschaft und seinem Handeln nicht erreichen. Sie sehen und hören Jesu Wirken und Wort, aber trotzdem wollen sie nicht glauben, was eigentlich die logische Schlussfolgerung ist: in Jesus ist Gott selbst am Wirken in unserer Welt.

Ein Grund ist sicher der, dass der Gott, Vater Jesu, nicht der Vorstellung dieser Menschen entspricht. Sie sind sich sicher, und dabei beziehen sie sich auf ihre heiligen Schriften, dass Gott nur ein Gott ihres auserwählten Volkes ist. Eigentlich nicht einmal des ganzen Volkes, sondern der Menschen, die auf besondere Art und Weise ihren Glauben leben. Schon Kranke, Arme und Frauen gehören höchstens am Rande dazu.

Jesus setzt dem entgegen, dass ihm Menschen von Gott selbst gegeben wurden. Das einzige Kriterium, an dem man diese Menschen erkennt, ist ihr Glaube an Jesus als Sohn Gottes. Wer zu Jesus kommt, ist gleichzeitig von Gott Jesus und seinem Wirken zum Leben übergeben: Alles, was mir der Vater gibt, das kommt zu mir; und wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen.

Jesus Haltung ist, er nimmt mit offenen Händen die Menschen entgegen, die Gott ihm in seine offenen Hände legt. Jesu Aufgabe ist es, keinen von ihnen zu verlieren. Gott legt dabei seine Kriterien der Auswahl nicht weiter offen und auch die Zahl der in Jesu Hände übergebenen Menschen. Es können also Menschen aus allen Völkern und allen Zeiten sein, die Gott in Jesu Hände gibt. Die Liebe Gottes macht nicht an den Grenzen seines auserwählten Volkes Schluss und auch nicht zu der Zeit, als er auf der Erde als Mensch lebte. Ist diese Gruppe Menschen überhaupt begrenzt? Oder trifft die Auserwählung Gottes auch Menschen, die jetzt noch nicht in Jesus Gott selbst entdeckt haben? Die Antwort darauf, weiß nur der Herr selbst.

Die Zukunft derer, die Gott auserwählt hat, ist die Zukunft Jesu selbst. Wer an Jesus als Gottes Sohn glaubt, wird von diesem Sohn aus dem Tod zum Leben mitgenommen, hat also eine Perspektive über den Tod hinaus.

Vielleicht ist das eine der Botschaften, die wir ins neue Jahr mitnehmen können. Wer mit Jesus Christus auf dem Weg ist, bleibt nicht vor der Tür der Liebe Gottes, sondern hat als Aussicht für seine Zukunft das Leben über den Tod hinaus. Das nimmt vielleicht die Angst vor dem Tod. Die vor dem Sterben ist schwerer zu nehmen. Allerdings, wenn Christus uns nicht verliert, dann auch nicht in der Zeit unseres Sterbens.

Eine weitere Botschaft ist die Gewissheit, dass wir in Jesu Händen nicht in den Händen anderer Menschen sind. Wir sind damit frei, so zu leben in dieser Welt, wie es Jesus und damit Gott selbst entspricht. Dabei ist es wichtig zu bedenken, dass die Wege Gottes vielfältig sind und wir Gottes Willen in vielerlei Art und Weise entsprechen können.

Gäbe es für uns nur einen Weg des Glaubens und eine Moral, wären wir nicht besser als die Gesprächspartner Jesu, die das Heil Gottes nur für sich selbst, ihren Glauben und ihre Moral beanspruchen. Genau dem widerspricht Jesus ja mit seinem Wort über eine nicht näher bestimmte und damit offen gelassenen Menge der Menschen, die ihm von Gott in die Hände gegeben wurden.

Damit sind wir wieder bei den offenen Türen des Anfangs und bei der Frage nach unserer Haltung. Offene Türen und Hände im Sinne Gottes zu haben, heißt,
offen zu sein für die Menschen, die in unsere Kirche kommen und auch für die, die nicht kommen,
offen zu sein für ganz fremde und ganz nahe Menschen, für Lebensstile, die uns unverständlich sind und für den Stil, den wir gern leben möchten,
offen zu sein für Entscheidungen, die andere treffen und die wir nicht verstehen können,
und bei alle dem nicht die Tür zu unserem Herzen zu verschließen. Es könnte sein, dass wir diese Anderen eines Tages in Jesu Hand ganz nah bei uns selbst finden. Von Gott geliebt und gehalten, wie wir es uns selbst immer gewünscht und manchmal auch erlebt haben.

Für uns als Gemeinschaft bedeutet es in unserer Gemeindearbeit, unter den Bedingungen der Pandemie weiterhin Begegnung zu ermöglichen zwischen Menschen verschiedener Herkunft und verschiedenen Impfstatus. Die Tür bleibt offen für jeden, der kommen will und mit Rücksicht auf alle, die schon da sind.

Wir orientieren uns an der Haltung Gottes. Jesu Hände sind groß, und im Bild gesprochen, wer beide Hände voll hat, hat keine dritte Hand, um aus der Masse Menschen herauszupicken und hinauszustoßen. Diese Haltung kann uns lehren.

Dirk Dempewolf, Pfarrer