Kurzandacht

Christuskirche Augsburg Haunstetten

Glaube in Zeiten der Krise

Hier geht's zur aktuellen Kurzandacht

Glauben in Zeiten der Krise

Gibt es eigentlich so etwas wie eine christliche Sicht auf die Corona-Krise? Haben Menschen mit starkem Glauben weniger Angst vor Ansteckung? Gehen sie irgendwie anders mit der aktuellen Situation um?

Klar ist: Das Virus kennt keine Unterschiede. Ob Christ, Muslim, Atheist: Wir alle sind gleichermaßen betroffen. Wenn Versammlungen von vielen Menschen Ansteckungsgefahr bedeuten, dann gilt das natürlich auch für kirchliche Veranstaltungen, selbst für Gottesdienste. Deshalb wird es in den nächsten Wochen keine Gottesdienste in der Christuskirche oder in Maria und Martha geben können.

Aber es gibt andere Formen, gemeinsam zu glauben. Fernsehen und Radio bringen das ganze Jahr über Sendungen, die vom Glauben erzählen. In der Krise machen sie Mut und geben das Gefühl, nicht allein zu sein mit der Sorge und mit der Angst

Oder: Man kann das Zwölf-Uhr-Läuten als Anlass für ein Gebet nehmen. Vielleicht spüren Sie dabei die Verbundenheit mit allen anderen, die in diesem Moment ebenfalls beten. Einfach nur das Vaterunser. Oder ein Dankgebet für alle die Menschen, die bis zum Umfallen für die Gesundheit und Sicherheit von uns allen arbeiten. Oder ein Fürbittengebet für diejenigen, die die Corona-Krise besonders hart treffen könnte. Das alles schafft auch Gemeinschaft.

Vielleicht ist Gemeinschaft genau das, was wir in dieser Zeit am meisten brauchen. Während uns die Ärzte - natürlich zurecht - dazu ermahnen, körperlich einen größeren Abstand zwischen uns zu lassen, brauchen wir jetzt gerade die Nähe im übertragenen Sinn. Wir wollen spüren, dass wir nicht allein sind. Wir brauchen Menschen, mit denen wir sprechen können.

Und, ganz praktisch: Es gibt viele unter uns, die jetzt auf Hilfe angewiesen sind. Alte Menschen, die den Weg zum Einkaufen scheuen, weil sie sich vor Ansteckung fürchten. Eltern, die nicht wissen, wohin mit ihren Kindern, wenn sie selbst zur Arbeit gehen müssen. Menschen in Quarantäne, die auf Hilfe von außen angewiesen sind. Wir alle sind aufeinander angewiesen - und in der Krise spüren wir das besonders.

Deshalb ist es für mich doppelt unverständlich, wenn Menschen jetzt ihrem Egoismus freien Lauf lassen. Wenn sie die Regale leerkaufen oder sogar Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel aus Kliniken und Arztpraxen klauen. "Mag um mich herum die Welt untergehen: Die Hauptsache ist, dass ich selbst genug habe". Das ist reine Selbstliebe statt Nächstenliebe. Leider ist Panik mindestens genauso ansteckend wie das Virus selbst.

Diese Panik schürt auch, wer ungeprüfte Gerüchte weitergibt. Sei es im Gespräch oder per facebook, twitter oder WhatsApp. Ich fühle mich gut genug informiert durch die Behörden und die öffentlich-rechtlichen Medien. Auf alles Geschnatter außenherum, auf alle gezielt gestreuten Gerüchte können wir alle gut verzichten.

Für mich heißt Glaube in Zeiten der Krise als allererstes: Auf die Gemeinschaft achten. Die Schwachen nicht aus dem Blick verlieren. Die Einsamen anrufen. Trösten. Mut machen. Helfen.
Keine Panik verbreiten, aber die allzu Sorglosen nachdrücklich auf ihre Verantwortung für die Gemeinschaft hinweisen. Panik kann ansteckend wirken. Aber auch Solidarität kann ansteckend wirken. Das wäre im Moment das beste Gegenmittel gegen das Virus.

Die Corona-Krise trifft uns mitten in der Passionszeit. Es ist die Zeit, in der wir Christen ausdrücklich über das Leid und die Not in der Welt nachdenken. Die Angst, den Schmerz, den Tod einmal nicht an den Rand drängen, sondern darüber sprechen und ihn so in unsere Gedanken und in unsere Gefühle holen - darum geht es in der Passionszeit. Denn das alles gehört zu unserem Leben dazu. Wir glauben, dass Gott uns nicht loslässt, auch nicht in der Angst, auch nicht in der Not, auch nicht im Schmerz. Und selbst im Tod ist er bei uns. Fängt uns auf. Nimmt uns in seine Arme.

Das glauben wir. Manchmal würden wir es freilich nur gerne glauben. Manchmal trauen wir unserem eigenen Glauben nicht. Und dann gibt es wieder Situationen, in denen uns der Glaube hilft und tröstet und Mut macht. „Ich glaube; hilf meinem Unglauben“: Das ist die Jahreslosung für 2020. Sie passt in diese merkwürdige Zeit. Denn: So wankelmütig sind wir. Das merken wir besonders in der Krise. Und so wankelmütig muten wir uns Gott zu. Wir hoffen, dass er uns trotzdem hält und bei uns bleibt.

Am Ende der Passionszeit steht Ostern, das Fest des Lebens und der Hoffnung. Wir wissen noch nicht, wie wir in diesem Jahr Ostern feiern werden. Aber wir wissen, dass es auch nach und in dieser Krise Ostern werden wird.

Dr. Nikolaus Hueck, Pfarrer

Schreiben Sie mir, wenn Sie mögen: nikolaus.hueck@elkb.de