Danke für fünf Jahren engagierten Dienst in unserer Gemeinde

Pfarrer Dr. Nikolaus Hueck am 22. Oktober 2023

Vom Überquellen der Liebe

Abschiedspredigt zu Markus 10,2-9.13-16

Die Pharisäer traten zu Jesus und fragten ihn, ob es einem Mann erlaubt sei, sich von seiner Frau zu scheiden,
und versuchten ihn damit.
Er antwortete aber und sprach zu ihnen:
Was hat euch Mose geboten?
Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden.
Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben;
aber von Anfang der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau.
Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.
Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden (...)
Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an. Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.

Zum Abschied noch einmal ein richtig harter Brocken.
Ein unbequemer Text.
Eigentlich zwei Texte - und jeder von den beiden Texten wäre eine eigene Predigt wert.
Das eine ist die Frage nach der Ehe und der Ehescheidung.
Das andere die nach den Kindern, denen das Himmelreich gehört.
Und über allem der Satz, den wir als Wochenspruch vorhin gehört haben:
"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert."

Das alles klingt erst einmal nicht nach Evangelium.
Das klingt so gar nicht nach froher Botschaft.
Im Gegenteil: Das klingt eigentlich eher nach einer Drohung.
Danach, dass der heutige Sonntag uns unsere Unzulänglichkeit vor Augen halten will.
Unsere Unfähigkeit, das Gute zu tun.

Obwohl wir es doch eigentlich wüssten.
Obwohl es uns doch eigentlich gesagt ist.
Trotzdem tun wir nicht das Richtige.
So hört es sich an.

Es ist also ein wirklich harter Brocken zum Abschied.
Aber ich glaube, es lohnt sich.

Der Text klingt so, als ob er uns klein machen will.
Aber so ist er gar nicht gemeint, glaube ich.
Es steckt sehr viel mehr Evangelium darin, als man beim ersten Hören vielleicht merkt.

Fangen wir mit der Ehe an:
"Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden".
Wir sagen das bei jeder Trauung.
Obwohl wir wissen, dass die Scheidungsrate bei etwa einem Drittel liegt.
Auf drei geschlossene Ehen im letzten Jahr kam etwa eine Scheidung.

"Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden".
Dieser Satz löst die unterschiedlichsten Gefühle aus.
Auch unter uns - kann ich mir vorstellen - gibt es alle diese Gefühle.

Die einen sind unendlich dankbar für eine Ehe, die schon so lange Zeit hält.

Die anderen sind ein bisschen stolz darauf, dass man es gemeinsam durch tiefe Krisen geschafft hat.

Andere empfinden vielleicht Scham -
sie schämen sich dafür, dass sie es eben nicht geschafft haben, zusammen zu bleiben.

Manche sind wütend, weil der Partner oder die Partnerin einfach gegangen ist und sich jemand anderen gesucht hat.

Und wieder andere fühlen sich schuldig - weil sie mehr Geduld miteinander gebraucht hätten.
Weil sie im Rückblick das Gefühl haben, zu schnell aufgegeben zu haben.

Und vielleicht gibt es bei dem einen oder der anderen auch Trauer.
Trauer darüber, dass das Leben ihnen gar nicht genug Zeit gelassen hat, die Ehe wirklich auszukosten.
Wirklich miteinander alt zu werden.
Weil der Partner oder die Partnerin viel zu früh gestorben ist.

Das alles gibt es. Und das alles gab es sicher schon zur Zeit Jesu.
Wer sich auf die Ehe einlässt, lernt mit der Zeit, wie schwierig eine lebenslange Beziehung sein kann.
Wie schwierig - und wie unglaublich beglückend auf der anderen Seite.
Ich habe die Ehe immer als Geschenk empfunden.
Und ich weiß, dass ich das Gelingen meiner Ehe nicht allein in der Hand habe.
Dass ich - dass wir - dabei eine gehörige Portion Hilfe von Gott brauchen.
Deswegen die Trauung. Deswegen die Bitte um Gottes Segen, schon ganz am Anfang.
Weil wir es eben nicht allein in unserer Hand haben, dass wir zusammen glücklich sind, bis der Tod uns scheidet.

Jesus weiß das sicher auch.
Und trotzdem redet er so eindeutig. So radikal.
Scheidung - für Jesus ist das etwas nur für die Menschen mit hartem Herzen.

Bei den Juden gab es ja durchaus die Ehescheidung.
Das sagen ja auch die Pharisäer:
Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden.

Aber Jesus unterbricht sie fast:
Ja, sagt er, Mose hat die Scheidung erlaubt.
Aber doch nur deswegen, weil Ihr so unglaublich hartherzig seid.
Weil ihr nicht genug Liebe habt.
Weil ihr zu sehr auf Euch selbst schaut - und zu wenig auf das, was der oder die andere braucht.
Nur deswegen ist euch die Scheidung erlaubt.

Vielleicht muss man wissen:
Damals konnte nur der Mann die Scheidung einreichen.
Und die Frau - die hatte kaum eigene Rechte.
Immerhin: Sie bekam den Scheidebrief - und durfte damit wieder heiraten.
Aber gerecht war das Scheidungsrecht damals wirklich nicht:
Männer konnten nach der Scheidung ihren Lebensunterhalt weiter verdienen.
Frauen aber standen vor dem Nichts - wenn sie nicht wieder einen Mann fanden.
Dass Jesus sich damit nicht abfinden wollte, das ist mehr als verständlich.

Ich glaube, Jesus ist so radikal, weil er die Liebe vermisst.
In der Frage der Pharisäer - und in der Scheidungspraxis der damaligen Zeit: In beidem fehlt ihm die Liebe.

Aber genau darum geht es ihm: um die Liebe und die Sorge füreinander.
Und um das zu erklären, greift er weit zurück - bis an den Anfang unserer Welt.
Gott hat uns Menschen zur Liebe geschaffen.
Zur Verantwortung füreinander.
Dafür, dass wir aufeinander achten.
Das wir uns um den anderen sorgen, nicht weniger als um uns selbst.
Und eben nicht zuerst nach dem eigenen Nutzen fragen.
Sondern immer auch nach dem, was dem anderen nützt.

So hat Gott uns Menschen geschaffen.
Und die Ehe ist ein Bild dafür.
Vielleicht das stärkste Bild, das wir kennen für diese Liebe.

Das andere starke Bild dafür sind die Kinder.
Denn niemand fordert die Liebe so ein wie Kinder.
Sie sind so ganz selbstverständlich auf die Liebe und die Sorge anderer angewiesen.

Als die Mütter ihre Kinder zu Jesus bringen, da weisen die Jünger sie ab.
Kinder - die muss man nicht ernst nehmen.
Kinder, mit sowas darf man den Meister nicht behelligen.

Doch - darf man.
Denn Kinder glauben bedingungslos an die Liebe.
Sie sind so sehr auf sie angewiesen:
Sie können sich gar nicht vorstellen von ihren Eltern nicht geliebt zu werden.
Umso schlimmer und grausamer, wenn diese Liebe ausbleibt, wenn Kinder unter ihren Eltern leiden.

Denn Kinder geben auch Liebe - genauso bedingungslos.
Wer sieht, wie sich Kleinkinder an Mama und Papa kuscheln -
Wer erlebt hat, mit wie viel Vertrauen sich Kindergartenkinder in die Arme ihrer Eltern fallen lassen - der ahnt, wie Gott das gemeint hat mit der Liebe zwischen den Menschen.
Ja, ich weiß:
Kinder können auch furchtbar grausam sein.
Und Ehen können scheitern.
Trotzdem: Beides sind starke Bilder für die Liebe, die Gott gemeint hat.
Und die Gott für uns will.

Ich glaube: Genau darum geht es Jesus.
Um Liebe und Verantwortlichkeit.
Füreinander. Für die Schwächeren. Für die, die uns brauchen.

"Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist":
Ja, genau:
Gut ist, dass man es dir anmerkt, dass du selbst geliebt bist.
Gut ist, dass du die Liebe, die du von Gott bekommst, nicht für dich behältst. Sondern dass du sie weitergibst.
Gut ist, dass du dich sorgst um die, die dich brauchen.
Dass du Verantwortung übernimmst für die, die es für sich selbst nicht können.
Dass du bei deinen Versprechen bleibst, solange es irgendwie geht:
bei deinem Eheversprechen genauso wie bei deiner Verantwortung für deine Kinder.

Nicht weil Du es musst. Nicht widerwillig.
Nicht mit zusammengebissenen Zähnen!
Und schon gar nicht, wenn es dich kaputt macht.
Sondern weil Du es willst, weil Du spürst, wie Gottes Liebe in dir überquillt und Du sie weitergeben willst.

So sollt ihr leben, sagt Jesus.
Nicht nur in der Ehe und der Familie.
Sondern natürlich auch in der Gemeinde.
Wenigstens unter uns Christen soll es doch so sein.

Und so ist es ja auch oft genug.
Was ich in den letzten fünf Jahren hier in Haunstetten erlebt habe, das hat hat mich ehrlich beeindruckt.
So viel ehrenamtliches Engagement.
So viel selbstverständliches Kümmern und Sorgen und Helfen.
So viel Bereitschaft, Zeit und Kraft einzusetzen für die anderen, die es brauchen können.

Mit wie viel Selbstverständlichkeit bei allen Gottesdiensten in unseren Altenheimen die Musik dabei war. Die Orgel, oft auch ein kleiner Chor.
Sogar dann, als es wegen Corona wirklich schwierig und mühsam war.

Mit wie viel Liebe die Gemeindenachmittage vorbereitet wurden. Die Tische gedeckt und geschmückt. Und das einfach so - weil es anderen eine Freude bereitet.

Oder die Gottesdienste: Kein einziges Mal ist es mir in den fünf Jahren passiert, dass ein Mesner seinen Dienst vergessen hätte oder eine Mesnerin irgendetwas nur schlampig oder lieblos vorbereitet hätte.

Oder: Mit wie viel Leidenschaft und Engagement Ehrenamtliche Musik machen: im Posaunenchor, in der Band, im Projektchor.
Das alles kostet viel mehr Zeit und Nerven und Energie, als man von außen sieht.
Ja, klar, es macht Spaß.
Liebevolles Ehrenamt darf schon auch Spaß machen.
Und gleichzeitig ist es ein Beitrag, dass es hier Leben gibt.
Dass sich hier Menschen begegnen.
Und dass in diesen Begegnungen die Liebe geschieht, von der Jesus redet.

Das sind ja nur ein paar wenige Beispiele für die Liebe und das Engagement hier in unserer Gemeinde.
Ich weiß, wenn man mit den Beispielen anfängt, dann müsste man eigentlich alle nennen:
Den Kirchenvorstand, ganz besonders unsere beiden Prädikantinnen ...
Man könnte auch noch von der Jugend sprechen, die ganz selbstverständlich alle mitnimmt und alle integriert.
Oder natürlich vom Besuchsdienst.
Oder von denen, die sich um Baradero kümmern.

In all dem wirkt die Liebe.
Liebe, die von Gott kommt.
Und die zu den Menschen will.

Ich sage das nicht, weil ich ganz am Schluss noch einmal etwas Nettes sagen will.
Ich sage das, weil ich wirklich glaube:
Das ist tatsächlich das, was Jesus meint:
Geht liebevoll miteinander um.
Kümmert Euch untereinander.
Sorgt gegenseitig für Euch.
Achtet auf die, die nicht auf sich selbst achten können.
In der Ehe, in der Familie, in der Gemeinde - aber auch überall sonst, wo Ihr Menschen begegnet, die Euch brauchen.

Dafür hat Euch Gott geschaffen.
Das hat Jesus Christus euch vorgelebt.
Und dazu gibt der Heilige Geist Euch seine Kraft.
Amen.